21.-24.09.2014 (Teil 2)
Nach ein paar Tagen Aufenthalt an der Küste ging es nun zu unserem nächsten Ziel, dem Hinterland der Herzegowina, dem mehrheitlich von Kroaten bewohnten Teil von Bosnien-Herzegowina.
Die Herzegowina ist der südwestliche Landesteil des Staates Bosnien und Herzegowina und umfasst etwa ein Drittel des Staatsgebiets. Die Herzegowina bildet heute keine administrative Einheit mehr, sondern ist auf die Föderation Bosnien und Herzegowina und die Republika Srpska aufgeteilt. Das Hauptgebiet mit der Stadt Mostar liegt im Einzugsbereich des Flusses Neretva.


Von Primosten aus nahmen wir die schön angelegte Küstenstraße D8 in Richtung Split. Auf Höhe der nach Zagreb zweitgrößten kroatischen Stadt bogen wir in nordöstlicher Richtung auf die Bundesstraße D1 ab um anschließend auf der Bundesstraße D60 den Weg in Richtung Imotski und die kroatisch-herzegowinische Grenze fortzusetzen.
ACHTUNG SATIRE:
Schöner Asphalt, eine kurvenreiche Strecke sowie ein paar PS unter der Haube und eine hübsche Begleitung auf dem Beifahrersitz sind eigentlich die wichtigsten Zutaten für eine entspannte und gemütliche Autofahrt. Tja, eigentlich! Wären da nicht diese Schilder, die von mir auf den hiesigen Straßen eine Geschwindigkeit verlangen die auf meinem Tacho fast nicht mehr angegeben ist. Ich meine damit nicht Geschwindigkeiten jenseits der 300km/h – LÄCHERLICH! Im Gegenteil, auf kerzengerader Strecke wird mir aufgrund „kurvenreicher“ Streckenführung (wo???) eine zulässige Geschwindigkeit von 40km/h ans Herz bzw. das Gaspedal gelegt. Die Frage, die sich mir berechtigterweise stellt ist die, ab wann eine Gerade zu einer Kurve wird – und zudem eine gefährliche. Einen Abstecher in die Mathematik und sinnlose Kurvendiskussionen erspare ich mir an dieser Stelle mal. Also ok, Fuß vom Gas, wir wollen ja jegliche Kontakt zu den hiesigen freundlichen Ordnungshütern vermeiden! Aber schon naht von hinten die nächste Herausforderung: ein grelles Lichterpaar, welches ich anhand der Geschwindigkeit und dem Motor-Sound einem hochmotorisierten PS-Monster à la Audi A8, Mercedes AM
G oder vielleicht einem italienischen Sportwagen zuordne, mal schauen. Eine dezente Tieferlegung scheint auch vor zu liegen – und das auf diesen Straße, Respekt! Die Scheinwerfer beleuchten quasi unterm meinem Boliden hindurch die vor mir liegenden 100 Meter – und das aus einer Entfernung von knapp 200 Metern. Ohne mich auf diese Herausforderung einzulassen orientiere ich mich am rechten Fahrbahnrand um meinem Hintermann zu signalisieren, dass ich ihn realisiert habe und bei weitem nicht daran denke den PS-Vergleich mit ihm aufzunehmen. Blöd nur, dass das dunkle Bat-Mobil hinter mir nicht im Traum daran denkt mein Entgegenkommen anzunehmen und vorbeizuziehen. Nein, er wird quasi magisch von mir angezogen, so dass es mir beim Blick in den Rückspiegel durch die Scheinwerfer-Einstrahlung beinahe die Netzhaut ablöst und ich es gerade noch rechtzeitig vor vollständiger Erblindung schaffe meinen Blick wieder nach vorne zu richten. Dabei erkenne ich die schwache Silhouette meines Knochenapparates auf der Windschutzscheibe. Hätte Konrad Röntgen nicht schon längst die gleichnamige Strahlung entdeckt, die Geschichte der Medizin würde mir spätestens jetzt einen Platz bereit halten. Endlich erbarmt sich mein Hintermann. Er schert aus, löst dabei die Abstandswarnsignale an meinem Fahrzeug aus um mich dann mit ohrenbetäubendem Lärm und der Power von gefühlten 500PS ziemlich alt Aussehen zu lassen. Aber was ist das? Nach ca. 30 Sekunden hat es der
PS-Protz gerade mal auf gleiche Höhe gebracht. Der glanzpolierte Lack entpuppt sich auch eher als eine dunkelrot-braune rostige Oberfläche, die bei jeglicher Unebenheit der Straße droht auseinander zu brechen. Der ohrenbetäubende Lärm kommt auch weniger aus einem 5-Liter-Hubraum-Aggregat mit Doppel-Vergaser und Turbo als vielmehr aus einer mehrfach gebrochenen Auspuffanlage – sofern überhaupt noch etwas vorhanden nach dem Krümmer. Schnell wird mir klar, dass die Tieferlegung auch eher auf defekte Stoßdämpfer und mehrfach gebrochene Federn zurückzuführen sind als auf die Leistung eines hochqualifizierten Auto-Tuners. Zwischenzeitlich verspüre ich Mitleid mit meinem Herausforderer, bremse auf nahezu Schrittgeschwindigkeit ab und unter dem Aufleuchten meiner Abstandswarnsignale gewähre ich ihm sich wieder vor mir in den Verkehr einzuordnen. „YUGO“ prangt hinten links auf seinem Kofferraum, ein Kleinwagen des ehemals jugoslawischen Autoherstellers Zastava – Baujahr ca. 1985. Mit einem freundlichen zweifachen Hupen bedankt sich „YUGO“, mein neuer Asphalt-Freund. Ich blende kurz auf, schaue in den Rückspiegel, setze den Blinker links und mit leichten Druck auf mein Gaspedal lasse ich meinen Drehzahlmesser auf nahezu maximalen Ausschlag hochschnellen und meinen neuen Freund in meinem Rückspiegel und der untergehenden Sonne verschwinden – so nicht mein lieber Freund! ENDE DER SATIRE!
Das ganze wiederholt sich während unserer Fahrt noch das ein oder andere Mal aber schließlich erreichten wir doch unser Ziel Uzarici, ein kleines Dorf süd-östlich von  Široki Brijeg gelegen.
Von Uzarici aus unternahmen wir unsere erste Tagesausflug an mehrere Wasserfälle des Flusses Trebizat im Süden der Herzegowina. Mehr oder weniger hohe Wasserfälle ergießen sich in verschiedenen Stufen in den smaragdgrünen und klaren Fluß. Ebenso wie im Nationalpark Krka kamen uns hier die starken Regenfälle der vergangenen Wochen zu Gute. Der eigentlich überschaubare Fluß war zu einem für hiesige Verhältnisse breiten Strom angewachsen und die immensen Wassermassen fallen mit derartiger Wucht in den Fluß, dass die dadurch entstandene Wolke aus feuchter Gischt uns leider den Blick auf die Wasserfälle etwas trübte aber dafür schöne Regenbögen entstehen ließ.
An einer etwas ruhigeren Stelle nahmen wir uns eine gesellige Auszeit bei Čevapčiči, fritierten Kartoffeln und Krautsalat. Ein kühles Karlovacko durfte natürlich auch hier nicht fehlen.
 
Ziel unseres nächsten Ausflugs war die Stadt Mostar, ca. 30km östlich von Široki Brijeg gelegen.

Mostar ist die größte Stadt der Herzegowina. Sie ist die Hauptstadt des Kantons Herzegowina-Neretva der Föderation Bosnien-Herzegowina und hat etwa 113.000 Einwohner, wovon etwa 75.000 Einwohner in der eigentlichen Stadt wohnen. Verwaltungstechnisch bildete Mostar seit dem Bürgerkrieg zwei Städte: eine kroatische auf dem westlichen Ufer des Flusses Neretva und eine bosniakische auf dem östlichen Ufer. Im Januar 2004 wurde dieser Zustand allerdings aufgehoben und eine neue Regelung eingeführt, wonach die Stadt in sechs Stadtgemeinden eingeteilt ist, die zusammen eine Einheit darstellen (Quelle: Wikipedia)
Die Auswirkungen und Einflüsse des Jugoslawien-Krieges sind in Moster noch allgegenwärtig. Von den Bergen kommend säumen Ruinen zerstörter Häuser wie Mahnmale die Straßen und Schilder mit Totenköpfen warnen vor der immer noch allgegenwärtigen Gefahr durch Landminen. In der Stadt selbst zeugen zahlreiche zerschossene Fassaden von den zerstörerischen Kampfhandlungen und den Schrecken des Krieges. Ein beängstigendes Gefühl breitet sich in mir aus, ich kann mir aber vermutlich bei weitem nicht vorstellen welche Schrecken diese Stadt mit welcher Intensität erlebt hat.
Während des Bosnienkrieges kam es in Mostar zu heftigsten Kämpfen zwischen Kroaten und Bosniaken. Dabei wurde die Stadt in einen kroatisch-westlichen, sowie in einen bosniakisch-östlichen Teil aufgeteilt. Die Teilung der Stadt in eine bosniakisch-muslimischen und einen kroatisch-christlichen Teil ist bereits von weitem erkennbar. Zahlreichen Moscheen stehen eine nicht minder große Anzahl christlicher Kirchen gegenüber und buhlen um den höchsten Zugang zum Himmel.
Im Krieg wurde das Wahrzeichen Mostars – die Brücke „Stari Mostar“ – bei einem mehrstündigem Beschuss durch vermutlich kroatische Streitkräfte zerstört. Nach dem Ende des Bürgerkrieges wurde die Brücke wieder aufgebaut und 2004 offiziell wieder eröffnet. Heute stürzen sich als Attraktion für die Touristen wagemutig jugendliche Brückenspringer für 200 Kuna (ca. €30) von der knapp 25 Meter hohen Brücke in die Tiefe des an dieser Stelle 6 Meter tiefen Flusses. Für mich mit einer nicht geraden großen Affinität zu offenen Höhen ein sehr beeindruckendes Schauspiel!
Auch fast 20 Jahre nach Ende des Krieges zeigt sich in Mostar das Schicksal einer geteilten Stadt. Während sich die kroatische Seite bereits erfolgreich am westlichen Europa orientiert, scheint die Zeit auf der bosnischen Seite nur langsam voranzuschreiten und sich dem Fortschritt zu widersetzen. Natürlich hat auch diese orientalische Ausrichtung einen gewissen Charme. Wenn allerdings gleichzeitig Wohnhäuser und Infrastrukur zerfallen und Müll das Stadtbild außerhalb der touristische Altstadt prägt, dann ist dieser Charme leider relativ schnell wieder relativiert.

Es wird sicher noch eine lange Zeit bedürfen bis die Einwohner Mostars – egal welchen Glaubens – wieder von IHRER Stadt sprechen werden.
Einen letzten Ausflug in der Herzegowina unternahmen wir ins nahgelegene Bergland. Über Široki Brijeg, Koćerin, Posušje und Tribistovo gelangten wir bis nach Blidinje in die Bergregion Čvrsnica mit dem ca. 2200 hohen Pločna. Die rauhe Gegend bekannt aus zahlreichen Karl-May-Filmen zeichnet sich durch ihre unbegrenzte Weite und die charakteristischen weißen Kalkfelsen aus zwischen denen kniehohes Gestrüpp wuchert. Eigentlich eine Landschaft, die weniger für Autos als für Pferde geeignet scheint. So war unsere asphaltierte Strecke auch mehrmals durch Schotter-und-Stein-Strecken unterbrochen, übersät mit einer Vielzahl von Schlaglöchern der höchsten Kategorie. Dies unterstreicht aber einfach nur den Charme dieser herrlichen und nahezu unberührten Landschaft.
Mich würde es also nicht wundern wenn uns hinter dem nächsten Felsen Winnetou auf seinem Pferd Iltschi grüßen oder vielleicht den Verkehr regeln würde. Oder Old Shatterhand sich mutig von seinem Pferd auf ein fahrendes Dampfross schwingen würde um mit 3 gezielten Schüssen aus seiner Silberbüchse 10 Banditen umzulegen, und es dann auch noch schafft aufs Dach des letzten Wagons zu klettern um sich entgegen dem Fahrtwind vorzukämpfen zum Dach des Speisewagons wo er den Anführer der fiesen Bande mit einer Rechts-Links-und-in-den-Magen-Kombination außer Gefecht setzt und vom Wagon-Dach in die karge staubigen Landschaft stößt. Natürlich würde er es auch noch zum verletzen Lokführer schaffen und rechtzeitig vor Erreichen der zerstörten Brücke den Zug zum stehen zu bringen. Tja, so waren Sie die Helden meiner Kindheit, fernab von Power-Rangers und sonstigen erdachten Superhelden. Richtige Helden noch die sich nicht zu Schade waren für andere die Drecksarbeit zu erledigen. Heute würde Winnetou vermutlich eher auf einer klapprigen und höllisch lauten Harley Davidson daherkommen. Das schüttere Haar mit einem Ansatz weit jenseits der Stirn notdürftig zu einem Zopf gebunden, dunkle Sonnenbrille, Fluppe im Mund und parfümiert in einer Wolke Jack Daniels. Old Shatterhand würde jeden Tag auf dem Dorfplatz auf ihn warten, standesgemäß mit Rolator – die Hüfte macht halt nicht mehr mit – kann man nach all den waghalsigen und todesmutigen Abenteuern auch irgendwie verstehen!
Nach einem ausgiebigen Pow-Wow in den hiesigen Jagdgründen ging es anschließend frisch gestärkt wieder zurück nach Uzarici. Unser Ausflug in die Herzegowina hatte somit ein schönes Ende.